Klimawandel und soziale Ungleichheit: Was Langzeitstudien sichtbar machen

30 Grad am späten Abend. In einer gut gedämmten Wohnung lässt sich die Hitze vielleicht noch aussperren. Unter einem schlecht isolierten Dach steht die warme Luft dagegen bis tief in die Nacht. Wer am nächsten Morgen im klimatisierten Büro arbeitet, erlebt den heißen Tag anders als eine Paketbotin, ein Bauarbeiter oder eine Pflegekraft.
Das Wetter ist dasselbe. Die Folgen für Menschen sind es nicht immer.
Wie stark Hitze, Starkregen oder Hochwasser den Alltag belasten, hängt auch von Einkommen, Wohnsituation, Beruf, Gesundheit, Alter und verfügbaren Hilfen ab. Ein Feld für die die Sozialforschung, um die Unterschiede aufzuzeigen. Wer ist besonders betroffen, unter welchen Bedingungen und wie hat sich die Belastung über die Jahre verändert.
Eine einmalige Befragung liefert dafür eine Momentaufnahme. Langzeitstudien machen Entwicklungen sichtbar.
Warum trifft dieselbe Hitzewelle Menschen unterschiedlich?
Bei Klimafolgen spielen drei Fragen eine zentrale Rolle:
- 1. Wie stark ist jemand einer Belastung ausgesetzt?
Eine unsanierte Dachgeschosswohnung in einem dicht bebauten Viertel heizt sich wahrscheinlich stärker auf als ein gut gedämmtes Haus mit Garten und Schatten.
- 2. Wie empfindlich reagiert die Person darauf?
Hohe Temperaturen belasten Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen möglicherweise stärker. Auch ältere Menschen, Säuglinge, Kleinkinder und Schwangere zählen zu den gesundheitlich besonders gefährdeten Gruppen.
- 3. Welche Möglichkeiten zum Schutz stehen zur Verfügung?
Verschattung, eine kühlere Wohnung, flexible Arbeitszeiten, finanzielle Rücklagen, Mobilität oder Unterstützung durch andere Menschen können die Ausgangslage erheblich verändern.
Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass unter anderem ältere Menschen, Kinder, Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status und wohnungslose Menschen besonders durch Hitze gefährdet sind. Körperliche Voraussetzungen und Lebensbedingungen wirken dabei zusammen. Mehr dazu erklärt das RKI in seinen FAQ zu Klimawandel und Gesundheit.
Entscheidend ist also nicht ein einzelnes Merkmal wie Alter, Einkommen oder Gesundheitszustand. Verwundbarkeit entsteht häufig dort, wo mehrere Faktoren zusammentreffen.
Eine ältere Person mit guter Gesundheit, einer kühlen Wohnung und Unterstützung aus der Nachbarschaft ist möglicherweise gut geschützt. Eine jüngere Person mit chronischer Erkrankung, körperlich belastender Arbeit und einer überhitzten Wohnung startet unter ganz anderen Bedingungen.
Woher wissen wir, wer besonders unter Klimafolgen leidet?
Um solche Zusammenhänge zu untersuchen, braucht die Sozialforschung Informationen über verschiedene Lebensbereiche.
Das Umweltbundesamt hat für das Forschungsprojekt „Soziale Dimensionen von Klimawandelfolgen“ 250 internationale Publikationen ausgewertet.
Ein wesentliches Ergebnis: Soziale Verwundbarkeit ist kontextabhängig und verändert sich. Einkommen, Bildung, Alter, Gesundheit oder Migrationsgeschichte wirken nicht isoliert. Mehrere Faktoren überlagern und verstärken sich häufig. Das Umweltbundesamt fasst die Ergebnisse des Forschungsprojekts zur ungleichen Betroffenheit durch Klimafolgen zusammen.
Für die Forschung ergeben sich daraus konkrete Fragen:
| Lebenssituation | Mögliche zusätzliche Belastung | Was Forschung wissen möchte |
| schlecht gedämmte Wohnung | hohe Temperaturen auch nachts | Wie wirken sich Hitze und fehlende Abkühlung auf Schlaf und Gesundheit aus? |
| niedriges Einkommen | wenig finanzieller Spielraum für Schutzmaßnahmen | Welche Schutzmöglichkeiten sind überhaupt bezahlbar? |
| körperliche Arbeit im Freien | Hitze lässt sich während der Arbeitszeit kaum vermeiden | Verändern sich Beschwerden, Arbeitszeiten oder Ausfalltage? |
| eingeschränkte Mobilität | größere Abhängigkeit von Infrastruktur und Unterstützung | Erreichen Warnungen, Schutzräume und Hilfsangebote die Betroffenen? |
Eine Befragung, die lediglich fragt „Wie sehr belastet dich die Hitze?“, greift deshalb zu kurz. Aussagekräftiger wird sie, wenn Antworten mit der jeweiligen Lebenssituation verbunden werden: mit Wohnform, Beruf, Gesundheit, Einkommen oder dem Zugang zu Unterstützung.
Eine Person, viele mögliche Einflussfaktoren
Stellen wir uns eine 58-jährige ambulante Pflegekraft vor, die in einer ungedämmten Dachgeschosswohnung lebt.
Für eine Studie wäre nicht allein interessant, ob sie Hitze als unangenehm empfindet. Forschende könnten beispielsweise untersuchen:
- Wie warm wird ihre Wohnung an heißen Tagen und in der Nacht?
- Wie viel Zeit verbringt sie beruflich unterwegs?
- Haben sich Schlaf oder gesundheitliche Beschwerden verändert?
- Lassen sich Arbeitszeiten und Pausen an besonders heißen Tagen anpassen?
- Hat sich ihre Situation gegenüber früheren Sommern verändert?
Dieses Gedankenexperiment zeigt, weshalb Klimaforschung verschiedene Informationen zusammendenken muss.
Temperaturdaten erklären noch nicht, wie Menschen die Hitze im Alltag erleben. Das Einkommen allein sagt wenig darüber aus, wie gut jemand geschützt ist. Erst die Verbindung mehrerer Informationen zeigt, welche Lebensbedingungen Belastungen verstärken oder abfedern.
Wie Langzeitstudien Veränderungen sichtbar machen
Lebenssituationen bleiben nicht gleich.
Eine Erkrankung kommt hinzu. Das Einkommen sinkt oder steigt. Jemand zieht um, übernimmt Pflegeverantwortung oder wechselt den Beruf. Gleichzeitig verändern sich klimatische Bedingungen, Infrastruktur und Schutzmaßnahmen.
Für Forscher*innen ist deshalb entscheidend, wie sich Belastungen im Zeitverlauf entwickeln.
Dabei sind zwei Forschungsdesigns besonders wichtig:
wiederholte Befragungen
Wer wird befragt? zu mehreren Zeitpunkten jeweils neue Befragte, vergleichbare repräsentative Stichproben
Was wird sichtbar? Veränderungen in der Verteilung von Einstellungen, Meinungen oder Verhalten in der Zielgruppe, z. B. in der Bevölkerung. Man sieht, wie sich die Gesellschaft insgesamt verändert.
Längsschnitt-Studien
Wer wird befragt? Dieselben Teilnehmer*innen werden mehrfach z. T. über Jahre oder Jahrzehnte hinweg befragt
Was wird sichtbar? Individuelle Veränderungen und Entwicklungsverläufe. Man sieht, wie und bei wem sich Einstellungen, Meinungen oder Verhalten verändern. Dadurch wird eine bessere Untersuchung möglicher Ursache-Wirkungs-Beziehungen.
Eine wiederholte Befragung könnte beispielsweise zeigen, ob heute mehr Menschen von stark aufgeheizten Wohnungen berichten als vor fünf Jahren.
Ein Panel verfolgt dagegen die Situation derselben Person über mehrere Befragungszeitpunkte. So wird sichtbar, ob sich etwa Wohnsituation, Gesundheit oder finanzielle Möglichkeiten verändert haben.
Down2Earth verbindet verschiedene Ansätze der Langzeitforschung
Ein Beispiel ist die Langzeitstudie Down2Earth.
Seit 2015 untersucht das Forschungsprojekt unter anderem Informations- und Mediennutzung sowie Einstellungen rund um Klimawandel und Klimapolitik. Die Befragungen wurden rund um verschiedene Klimagipfel wiederholt. 2021 versuchte das Forschungsteam außerdem, Teilnehmer*innen aus dem Jahr 2015 erneut zu befragen, um Veränderungen auf individueller Ebene zu untersuchen. Seit Ende 2025 läuft eine weitere Panelphase mit insgesamt drei geplanten Wellen bis 2027.
Down2Earth lässt sich deshalb nicht als reine wiederholte Querschnittsbefragung einordnen. Das Projekt verbindet verschiedene längsschnittliche Ansätze. Die Universität Hamburg dokumentiert die einzelnen Projektphasen von Down2Earth.
Gute Daten brauchen mehr als viele ausgefüllte Fragebögen
Eine große Zahl an Befragten macht eine Studie noch nicht automatisch aussagekräftig.
Menschen ohne sicheren Internetzugang, mit Sprachbarrieren, in Pflegeeinrichtungen, mit eingeschränkter Mobilität oder ohne festen Wohnsitz sind z. B. über Onlinebefragungen schwerer erreichbar.
Fehlen bestimmte Personengruppen in der Befragung systematisch, entsteht ein blinder Fleck.
Deshalb gehören Auswahl und Erreichbarkeit der Teilnehmer*innen zu den zentralen Qualitätsfragen der Marktforschung und der Sozialforschung. Unser Beitrag über repräsentative Umfragen und die Bedeutung unterschiedlicher Teilnehmer*innen erklärt ausführlicher, weshalb eine hohe Fallzahl allein keine Repräsentativität garantiert.
Wie unterschiedlich Zugangswege aussehen, zeigt beispielsweise das GESIS Panel. Es basiert auf zufallsbasierten Stichproben und gibt den Befragten die Möglichkeit zwischen online- und offline basierter Teilnahme zu wählen. GESIS beschreibt das Mixed-Mode-Design und die Stichprobe des Panels.
Auch bei mehrjährigen Studien gibt es Grenzen. Teilnehmer*innen ziehen um, verlieren das Interesse oder sind nicht mehr erreichbar. Scheiden bestimmte Gruppen häufiger aus als andere, verändert sich die Zusammensetzung des Panels. Forschende müssen solche Ausfälle deshalb bei der Auswertung berücksichtigen.
Eine lange Laufzeit ist also kein automatisches Qualitätssiegel. Entscheidend bleibt, wie Personen ausgewählt werden und ob diese dann auch teilnehmen und pb diese dann auch über die Jahre dabeibleiben.
Warum fragen Studien nach Einkommen, Gesundheit oder Wohnsituation?
Fragen nach Einkommen, Erkrankungen, Wohnform oder Bildung wirken persönlicher als eine klassische Meinungsfrage. Für die Untersuchung sozialer Klimafolgen liefern sie jedoch wichtige Zusammenhänge.
Ohne diese Angaben lässt sich nur feststellen, wie viele Menschen Hitze als belastend empfinden. Offen bleibt aber, weshalb die Belastung so unterschiedlich ausfällt.
Die Verbindung verschiedener Angaben kann beispielsweise zeigen,
- ob Menschen mit niedrigem Einkommen seltener in Schutzmaßnahmen investieren,
- ob bestimmte gesundheitliche Voraussetzungen mit höherer Hitzebelastung zusammenhängen,
- welche Personengruppen Warn- und Hilfsangebote schlechter erreichen,
- ob sich solche Unterschiede über die Jahre verändern.
Was Sozialforschung für Klimaanpassung leisten kann
Eine Studie kühlt keine Wohnung und hält kein Hochwasser auf.
Sie liefert aber Informationen darüber, wo Belastungen entstehen, wen bestehende Schutzmaßnahmen erreichen und an welchen Menschen sie vorbeigehen.
Wie stark heizen sich Wohnungen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen auf? Wer verfügt über finanzielle Rücklagen? Wer erreicht einen kühlen Ort oder erhält Warnungen rechtzeitig? Und wie verändern sich solche Bedingungen über die Jahre?
Solche Informationen helfen Politik und Verwaltung, Schutzmaßnahmen genauer an unterschiedlichen Lebenslagen auszurichten.
Soziale Ungleichheit beim Klimawandel bedeutet, dass Menschen unterschiedlich stark Klimarisiken ausgesetzt sind und über unterschiedlich viele Möglichkeiten verfügen, sich davor zu schützen oder Schäden aufzufangen. Einkommen, Wohnsituation, Gesundheit, Beruf, Mobilität und Unterstützungsangebote beeinflussen deshalb die Betroffenheit.
Klimatische Bedingungen und Lebenssituationen verändern sich. Wiederholte Befragungen zeigen, ob Belastungen z. B. über die Jahre hinweg zunehmen, zurückgehen oder bestimmte Bevölkerungsgruppen anders treffen als zuvor.
Bei einer Langzeitstudie werden dieselben Menschen mehrfach befragt. Dadurch lassen sich Veränderungen innerhalb einzelner Lebensverläufe untersuchen. Bei wiederholten Befragungen wird zu verschiedenen Zeitpunkten jeweils eine neue, vergleichbare Stichprobe untersucht. Das macht Trends in der Zielgruppe, z. B. Gesamtbevölkerung sichtbar.