Kommunal- und Landtagswahlen 2026: Wahlumfragen und der Stellenwert von Social Media in der Meinungsbildung
Ein ereignisreiches Wahljahr in Deutschland
Den Auftakt macht am 8. März die Landtagswahl in Baden-Württemberg, zeitgleich mit den Kommunalwahlen in Bayern. Eine Woche später, am 15. März, bestimmen die Bürger*innen in Hessen ihre Kommunalvertretungen neu, während in Rheinland-Pfalz am 22. März ein neues Landesparlament gewählt wird. Nach der Sommerpause folgt am 6. September die Abstimmung in Sachsen-Anhalt, bevor am 13. September in Niedersachsen Kommunalwahlen anstehen. Den Abschluss des Wahljahres bildet der 20. September, an dem Berlin sowohl sein Abgeordnetenhaus als auch die Bezirksverordnetenversammlungen neu bestimmt und Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag wählt.[1]

Die Bedeutung von Wahlumfragen im Jahr 2026
Grundsätzlich könnten mit Umfragen keine Wahlergebnisse prognostiziert werden, erklärt Marcus Maurer, Professor für Politische Kommunikation an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität. Es werde lediglich gemessen, wen Menschen in einem Augenblick wählen würden.[2] Wähler legen sich heutzutage Großteils sehr kurzfristig fest, wen sie wählen, somit wird es immer schwieriger auf die finale Entscheidung zu schließen. Eine Umfrage kann somit anders aussehen als das spätere Wahlergebnis.
Ganz wichtig für die Aussagekraft einer Umfrage ist die Zusammensetzung der Befragten-Stichprobe. Denn von den Meinungen und Einstellungen dieser kleinen Stichprobe möchte man auf die gesamte wahlberechtigte Bevölkerung schließen. Hierfür muss die Befragten-Stichprobe die wahlberechtigte Bevölkerung repräsentieren. Leider wird es immer schwieriger, Menschen für Umfragen zu begeistern, was auch für Umfragen im Vorfeld von Wahlen gilt. Um Ungenauigkeiten in den Stichproben zu minimieren, werden zum Beispiel verschiedene Erhebungsmethoden bei der Umfrageerstellung kombiniert und die Stichproben anhand von verschiedenen Parametern der offiziellen Statistik gewichtet. So werden die Meinungen und Einstellungen von Bevölkerungsgruppen, die in der Befragten-Stichprobe unterrepräsentiert sind, ausreichend stark in den Ergebnissen widergespiegelt.
Professor Dr. Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin betont außerdem, dass sich Wahlbeteiligungen nicht gut mit Umfrage messen lassen. «Menschen, die nicht wählen, nehmen auch an Umfragen seltener teil», erklärt er. Die Wahlbeteiligung könne aber gerade bei Landtagswahlen ein wichtiger Faktor sein. Die Frage, die auch immer wieder gestellt wird ist, haben Umfragen Einfluss auf das Wahlverhalten der Bevölkerung. Die Vermutung ist, dass zumindest ein Zusammenhang mit der Wahlbeteiligung besteht. Umfragewerte könnten Anhänger einer Partei motivieren, zur Wahl zu gehen oder auch vom Wahlgang abhalten. Es gebe aber keine Belege dafür, dass durch diese Effekte mal eine Wahl entschieden worden sei, sagt Maurer. «Das hebt sich auf im Aggregat.»[2]
Grundsätzlich attestiert Faas deutschen Umfragen eine hohe Qualität: Die Vielfalt der Anbieter und Methoden sei eher Stärke als Schwäche, weshalb man einzelne Erhebungen nicht überbewerten sollte, sie insgesamt aber als Stimmungsbarometer dienen. Die Wahlforschung zählt in der empirischen Sozialforschung zu den am weitesten entwickelten Disziplinen. Das gesicherte Wissen über das Wahlverhalten ist in den letzten Jahrzehnten rapide gewachsen. Gerade die Existenz mehrerer leistungsstarker Erklärungsansätze mit unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunkten ermöglicht es der Wahlforschung, den komplexen Prozess der Wahlentscheidung differenziert zu untersuchen. Die Genauigkeit der Vorhersagen wird sich jedoch aus den genannten Gründen auch in Zukunft nicht wesentlich verbessern lassen.[3]
Wie Algorithmen sozialer Medien radikale Positionen begünstigen können
In der Kritik steht, dass Plattformen wie TikTok, Instagram und Facebook durch ihre Algorithmen radikale Positionen begünstigen und so eine „toxische Kultur“ entstehe, von der vor allem Randgruppen profitieren. Besonders bei Jüngeren spielen Social Media Plattformen eine wachsende Rolle als Nachrichtenquelle, deren Auswirkung wiederum an die Medienkompetenz dieser Menschen gekoppelt ist.
Es ist eine rein technische Entscheidung, welche Inhalte Nutzer*innen in ihrem Feed zu sehen bekommen – und in welcher Reihenfolge. Grundprinzip ist die Maximierung von Reaktion: Beiträge, die viele Likes, Kommentare oder Shares erhalten, werden häufiger und einer breiteren Zielgruppe ausgespielt. Dafür werten die Plattformen eine Vielzahl von Signalen aus, etwa wie lange jemand einen Beitrag betrachtet, ob die Person ihn teilt oder kommentiert, mit welchen Accounts sie regelmäßig interagiert und welche Themen sie in der Vergangenheit interessiert haben. Auf dieser Grundlage erstellt das System ein individuelles Nutzerprofil und versucht, jeden Feed möglichst passgenau zu befüllen. Ein strukturelles Problem dieser Logik ist, dass emotional aufgeladene, provokante oder polarisierende Inhalte tendenziell mehr Reaktionen auslösen und damit vom Algorithmus bevorzugt werden.
Die Gesamtrolle von Social Media: Wahlkampf ja, Wahlausgang nein
Forschende aus den Bereichen politische Kommunikation und Desinformation bewerten den Einfluss sozialer Medien auf Wahlentscheidungen allerdings als gering. Die Professorin der Ludwigs-Maximilians-Universität München Anna Sophie Kümpel betont, dass soziale Medien zwar an Bedeutung gewonnen haben, aber keineswegs allein wahlentscheidend sind. Politische Meinungsbildung sei, ihrer Forschung nach, ein langfristiger Prozess, der von Herkunft, Erfahrungen und sozialem Umfeld geprägt wird – Medien wirkten dabei eher kumulativ als durch einzelne Posts. Wenn etablierte Parteien soziale Medien dauerhaft und strategisch nutzen, anstatt dort erst kurz vor Wahlen aufzutauchen, schaffen sie durch ihre Präsenz den nötigen Ausgleich zu radikalen Positionen. Hohe Follower*innenzahlen lassen sich allerdings nicht direkt in Wählerstimmen umrechnen, und die Angst vor Filterblasen durch Algorithmen hält lt. Kümpel einer genauen Prüfung nur bedingt stand. Eine vollständige „TikTokisierung“ der Politik hält die Professorin ebenso für unwahrscheinlich. Authentizität sei wichtiger als aufgesetzte Jugendsprache, wobei die Fähigkeit, komplexe Themen prägnant zu vermitteln, eine Chance sein kann, die wahlberechtigte Bevölkerung zu überzeugen.[4]/[5]
Fazit
Es macht Sinn, sich an Wahlumfragen zu beteiligen, sich Umfragen von verschiedenen Instituten anzusehen – und vor allen Dingen: sich eine eigene politische Meinung zu bilden – gerne abseits von Social Media Accounts – und diese dann auch bei der Wahl aufs Papier zu bringen.
