20. Oktober 2026

Midterm-Wahlen 2026 in den USA: Warum Gefühle und Fakten in Wahlumfragen zusammengehören

Eine Partei wählen und trotzdem an ihr zweifeln. Sich um steigende Preise sorgen, aber keiner politischen Lösung vertrauen. Solche Haltungen passen in kein einfaches Dafür oder Dagegen. Was erfährst du darüber, wenn du vor den US-Midterms auf die Umfragewerte schaust?

Aktuelle Studien zeigen, warum sich der Blick hinter die Wahlabsicht lohnt. Forschung erfasst auch Sorgen und Vertrauen und die Motivation, tatsächlich wählen zu gehen.

Was wird bei den US-Midterms 2026 gewählt?

Die Midtermwahlen in den USA finden alle vier Jahre statt, genau in der Mitte der vierjährigen Amtszeit eines Präsidenten. Die nächsten Midterms finden am 3. November 2026 statt. Das Besondere: Die Amerikaner wählen dabei nicht den Präsidenten neu, sondern entscheiden vor allem darüber, wer im Kongress sitzt. Damit beeinflussen sie, wie viel politische Unterstützung der amtierende Präsident für seine Vorhaben hat.

Bei diesen Wahlen werden alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und rund ein Drittel der Sitze im Senat neu vergeben. Sie entscheiden damit darüber, welche Parteien in den beiden Kammern des US-Kongresses die Mehrheit stellen.

Die Wahlen gelten häufig als politischer Stimmungstest. Trotzdem entscheiden auch regionale Kandidat*innen, lokale Themen und die Wahlbeteiligung mit. Ein nationaler Umfragewert kann deshalb mehr oder weniger stark von dem Wahlergebnis und damit von der Sitzverteilung abweichen.

Was Tracking-Umfragen vor einer Wahl leisten

Wie bei allen Umfragen ist eine einzelne Umfrage immer nur eine Momentaufnahme. Erst mehrere vergleichbare Messungen können zeigen, ob zum Beispiel aus einem Ausschlag ein Trend entsteht oder ob der Wert nur einen Ausreißer darstellt. Tracking-Umfragen wiederholen dafür gleichbleibende Fragen über einen längeren Zeitraum. So lässt sich eher erkennen, ob sich Einstellungen, Wahlabsichten oder die Bedeutung einzelner Themen wirklich verändern.

Das schützt vor schnellen Fehlschlüssen. Ein Wert kann zum Beispiel durch statistische Schwankungen oder ein kurzfristiges Ereignis beeinflusst sein. Bleibt eine Veränderung aber über mehrere Erhebungen hinweg bestehen, wird der Trend belastbarer.

Trotzdem bildet eine Wahlumfrage nur immer nur ein vorläufiges Bild der politischen Stimmung ab. Sie erfasst die Einstellungen zum Zeitpunkt der Befragung. Sie kennt weder spätere Ereignisse noch mit letzter Sicherheit die tatsächliche Wahlbeteiligung. Auch AAPOR (American Association for Public Opinion Research), der US-Fachverband für Umfrageforschung, warnt davor, Umfragen als sichere Vorhersagen zu lesen. Kleine Abstände zum letztendlichen Wahlergebnis können innerhalb der statistischen Schwankungsbreite liegen.

Wahlabsicht und Wahlmotivation

Das Pew Research Center befragte vom 28. September bis 4. Oktober 2026 insgesamt 5.062 US-Erwachsene, darunter 3.917 registrierte Wähler*innen. Unter den Unterstützer*innen demokratischer Kandidat*innen für das Repräsentantenhaus sagten 78 Prozent, es mache einen Unterschied, welche Partei die Kontrolle über den Kongress gewinnt. Unter den Unterstützer*innen republikanischer Kandidat*innen waren es 69 Prozent.

Die demokratischen Unterstützer*innen bezeichneten sich zudem häufiger als äußerst motiviert, wählen zu gehen. Unter den Unterstützer*innen demokratischer Kandidat*innen lag der Anteil derjenigen, die sich als äußerst motiviert bezeichneten, wählen zu gehen, um 17 Prozentpunkte höher als unter den Unterstützerinnen republikanischer Kandidatinnen. Das beschreibt einen Unterschied zum Befragungszeitpunkt, garantiert aber keine spätere Wahlbeteiligung.

Für die Einordnung heißt das: Zwei Menschen können dieselbe Partei bevorzugen und unterschiedlich stark motiviert sein, wählen zu gehen. Eine Person will ihre Stimme unbedingt abgeben, die andere ist noch unsicher, ob sie überhaupt teilnimmt. Deshalb untersucht Wahlforschung neben der Parteipräferenz auch die Wahlmotivation. Wie viele Menschen eine Partei unterstützen, sagt allein noch nicht, wie viele von ihnen tatsächlich wählen werden.

Emotionen sind keine Störung der Fakten

Auch persönliche Einschätzungen und Gefühle lassen sich mit standardisierten Fragen untersuchen. Wie besorgt bist du? Wem vertraust du? Wie zuversichtlich blickst du auf die nächsten Monate? Solche Antworten können quantitativ ausgewertet und im Zeitverlauf verglichen werden.

Ein aktuelles Beispiel liefert der am 13. Oktober veröffentlichte Axios/Ipsos American Health Index. Ipsos befragte dafür vom 25. bis 28. September 2026 insgesamt 1.122 US-Erwachsene. 69 Prozent äußerten Sorgen wegen steigender Gesundheitskosten. Ebenfalls 69 Prozent gaben an, ein Anstieg der Krankenversicherungskosten um zehn Prozent würde ihre Haushaltsfinanzen belasten.

Zugleich unterstützten 66 Prozent die Position, der Bund solle mehr Steuergeld einsetzen, um Gesundheitskosten zu senken. Das ist noch keine Zustimmung zu jeder Reform: Einen konkreten Vorschlag für eine staatliche Krankenversicherung für alle unterstützten 43 Prozent; 32 Prozent waren unentschieden.

Eine Sorge, der Wunsch nach Entlastung und die Zustimmung zu einer bestimmten Lösung sind unterschiedliche Dinge. Für die Wahlforschung folgt daraus eine weitere Frage: Welche Vorschläge überzeugen Menschen tatsächlich – und welche Zweifel bleiben?

Was Fokusgruppen hinter den Antworten sichtbar machen können

Fokusgruppen bringen eine kleine, gezielt ausgewählte Gruppe ins Gespräch. Moderator*innen fragen nach, lassen Begriffe erklären und untersuchen, welche Erfahrungen oder Erwartungen mit einer Haltung verbunden sind. Die Gespräche können mögliche Motive aufdecken.

Wie das konkret aussieht, zeigt das Swing Voter Project von Engagious, Nelson Recruiting und NPR. Am 13. Oktober 2026 diskutierten zwölf Menschen aus Georgia in zwei Online-Fokusgruppen. Alle hatten 2020 Joe Biden und 2024 Donald Trump gewählt. Laut dem Bericht der beteiligten NPR-Reporterin äußerten elf Enttäuschung über Trumps Amtsführung; sieben erklärten, er beeinflusse sie darin, bei den Midterms demokratisch zu wählen.

Im Gespräch wurde deutlich, was sich einige davon versprachen: mehr Kontrolle des Präsidenten durch den Kongress und dadurch mehr Stabilität, auch für die Wirtschaft. Das hilft, eine mögliche Wahlentscheidung zu verstehen. Ob viele andere Menschen diese Erwartungen teilen, lässt sich aus den zwölf Gesprächen aber keinesfalls ableiten. Dafür braucht es geeignete quantitative Methoden.

Wie solche Gruppen ablaufen, liest du in unserem Beitrag Fokusgruppen und Tiefeninterviews: So funktioniert qualitative Forschung.

Fünf Fragen, mit denen du Wahlforschung besser einschätzt

Wenn dir vor den US-Midterms eine neue Umfrage begegnet, lohnt sich ein Blick hinter den Prozentwert:

  1. Wer wurde befragt?
    US-Erwachsene, registrierte Wähler*innen und voraussichtliche Wähler*innen sind unterschiedliche Gruppen.
  2. Wann fand die Befragung statt?
    Entscheidend ist der Erhebungszeitraum, nicht allein das Veröffentlichungsdatum.
  3. Wie lautete die genaue Frage?
    Sorge um Kosten, Zustimmung zu einer Reform und Wahlabsicht erfassen verschiedene Einstellungen.
  4. Handelt es sich um einen Einzelwert oder einen Trend?
    Mehrere vergleichbare Messungen liefern meist mehr Orientierung als eine isolierte Umfrage.
  5. Passt die Schlussfolgerung zur Methode?
    Eine Fokusgruppe zeigt mögliche Motive, aber keine Bevölkerungsanteile. Auch eine repräsentative Umfrage erklärt nicht automatisch die Ursachen einer Haltung.

Seriöse Forschung macht diese Informationen sichtbar. Fehlen Angaben zu Auftraggeber*in, Stichprobe, Erhebungszeitraum und Methode, ist Zurückhaltung angebracht.

Gute Wahlforschung hält Widersprüche aus

Ein Mensch kann mit einer Partei unzufrieden sein und sie trotzdem wählen. Wirtschaftliche Sorgen können mit politischer Zustimmung zusammenfallen. Gute Forschung fragt nach solchen Haltungen, statt sie vorschnell zu vereinfachen.

Die aktuellen US-Studien zeigen damit auch, welchen Nutzen Markt- und Sozialforschung über Wahlen hinaus hat: Sie untersucht, was Menschen beschäftigt, wie verbreitet ihre Ansichten sind und welche Erfahrungen dahinterstehen.

Dafür braucht sie Menschen, die antworten – auch wenn ihre Meinung nicht in ein eindeutiges Ja oder Nein passt.

Wenn du zu einer seriösen Studie eingeladen wirst, musst du deshalb keine fertige Position mitbringen. Auch Zweifel und Unsicherheit helfen, ein genaueres Bild zu gewinnen.

FAQ

Häufige Fragen



Die Midterms sind Kongresswahlen, die in der Mitte der vierjährigen Amtszeit eines US-Präsidenten stattfinden. Gewählt werden alle Sitze im Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats. Die nächsten Midterms finden am 3. November 2026 statt.

Eine Tracking-Umfrage wiederholt gleiche Befragungen zu mehreren Zeitpunkten. Dadurch werden mögliche Veränderungen in Einstellungen oder Wahlabsichten sichtbar. Aussagekräftige Trends benötigen gleichbleibende Fragen und Methoden.

Ja. Standardisierte Fragen können etwa erfassen, wie besorgt, zuversichtlich oder motiviert Menschen sind. Fokusgruppen ergänzen solche Ergebnisse um Erfahrungen und mögliche Motive.

Nein. Die kleinen, gezielt zusammengestellten Gruppen liefern keine repräsentativen Bevölkerungsanteile. Ihre Aussagen helfen, Haltungen zu verstehen und Fragen für weitere Untersuchungen zu entwickeln.